Fact-Checking ist, zumindest von der Idee her, ganz einfach. Man sieht sich an, ob eine Aussage stimmt oder belegbar ist, und gibt dann eine Bewertung ab. Uns gibt es jetzt etwas mehr als eine Woche, und schon jetzt sind wir draufgekommen, dass das nicht so einfach ist.

Denn es gibt Aussagen, die zwar faktisch richtig sind, aber in einem absolut falschen Kontext getätigt werden. Und in diesem Fall tendieren wir momentan dazu, ein „Halbrichtig“ zu geben. Dafür kriegen wir viel Lob, aber auch viel Kritik – je nachdem, wem dieses Abrunden denn helfen könnte. Generell scheinen viele zu denken, wir dürften niemandem auf die Füße treten. Nett oder „auf der richtigen Seite“ zu sein ist aber nicht die Aufgabe von Journalismus – da darf man unsere „Halbrichtig“-Bewertungen lieber auch mal schlecht finden.

Die „halbrichtigen“ Aussagen

Einen ersten Präzedenzfall dazu hatten wir übrigens mit Norbert Hofers Aussage, jeder Flüchtling koste 277.000 Euro. Diese war theoretisch richtig, hat praktisch aber eine sehr wichtige Information ausgespart. Denn das klingt viel – bis man dazusagt, dass sich die Studie, aus der Hofer die Zahl hat, auf einen Zeitraum von 45 Jahren bezieht. 6.155 Euro im Jahr, 513 Euro im Monat oder 17 Euro am Tag klingen dann nicht mehr so arg, wenn man bedenkt, was alles dazugehört.

Es geht also nicht nur um den logischen Faktencheck – in diesem Fall wären Hofers Flüchtlings-Aussage richtig. Es geht auch darum, ob das Argument, zu dem die Aussage gehört, Sinn ergibt. In einem anderen Faktencheck unterstellt FPÖ-Generalsekretär Herbert Kickl Alexander Van der Bellen, „nach reichlicher Überlegung“ gesagt zu haben, dass er Lügen für eine politische Qualität halte und die Österreicher auch anlügen würde. Aufgrund eines Zitates, das nicht unbedingt das zum Inhalt hatte. Den ganzen Beitrag könnt ihr hier lesen.

For the sake of the argument

In diesem Artikel müsste eigentlich ein „Richtig“ stehen. Die Erklärung für das „Halbrichtig“ ist aber – und das wird sich vermutlich auch in zukünftigen Beiträgen öfter zeigen -, dass die Aussage zwar streng gesehen richtig, aber gleichzeitig absolut aus dem Zusammenhang gerissen wurde. Denn Kickl hat das Zitat von Van der Bellen nicht sehr redlich verwendet, hat Beispiele und Relativierungen ausgespart. Sein Parteichef Strache beschwert sich über falsche Zitierung bei Geschichten, die eigentlich Lapalien sind.

Aus einem kleinen Zitat, aus dem Kickl ein „Liebe Österreicherinnen und Österreicher, im Zweifelsfall lüge ich Euch an, wenn ich es für notwendig halte“ macht, wird also im heutigen Fall eine Überlegung dazu, wie man verantwortungsvoll mit politischer Macht und Öffentlichkeit umgeht. Auch, wenn sich das jetzt für manche so lesen mag, ist das keine Wahlempfehlung für Van der Bellen und kein „Falsch“ in Richtung Herbert Kickl. Fakt ist, dass Kickl richtig, aber nicht vollständig zitiert hat. „Alexander Van der Bellen hat gesagt, was Kickl ihm unterstellt, gesagt zu haben. Aber er hat nicht gemeint, was Kickl ihm unterstellt, gemeint zu haben“, schreibe ich im Artikel als Begründung.

Jetzt kann man darüber diskutieren, ob man dem ein „Richtig“ oder ein „Halbrichtig“ gibt. Wir meinen aber, dass es nicht weit genug geht, nur den Inhalt zu prüfen – eine Zahl mag zwar durchaus so in einer Studie vorkommen, das heißt aber nicht, dass jede Meinungsmache mit ihr auch wirklich redlich ist und als „Richtig“ bewertet werden darf. Egal ob Zitate, Zahlen oder sonstige Quellen – wenn sie zwar richtig sind, aber in falschem Kontext verwendet werden, reicht keine einfache Fußnote, um das „Richtig“ noch zu relativieren. Denn das ist sie nicht mehr.

Wir entscheiden uns also dafür, im Falle von Aussagen mit verzerrtem Hintergrund weiterhin mit „Halbrichtig“ zu bewerten. Und wir würden uns freuen, wenn ihr uns eure Meinung dazu dalasst, ob wir mit solchen „Out of context“-Aussagen richtig umgehen.